Reitstunden der Lust – Leseprobe

Steffi hätte das Handy am liebsten gegen die Wand geworfen. Doch dann besann sie sich und zog ihre Handschuhe wieder über.

Mittlerweile merkte sie jeden Muskel und die Kälte hatte sich in ihren Gliedern breit gemacht. Steffi wusste, dass sie eigentlich weiter graben musste, aber sie war so schrecklich müde und es war so unendlich kalt. Sokki pustete ihr seinen warmen Atem ins Gesicht und sie streichelte dem Pferd traurig über die Blesse. Ihre einzige Hoffnung war, dass Max oder Geiry sie jetzt finden würde.

Mit schleppenden Schritten ging sie wieder an die Arbeit. Sie musste sich bewegen und sie musste dieses Loch größer machen. Ihre Bewegungen wurden fahrig und jetzt zwang sie sich mit Gewalt dazu, weiter zu machen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ Steffi sich an der Wand gegenüber des Eingangs runter rutschen und blieb erschöpft auf dem Boden sitzen. Es hatte ja doch keinen Sinn, so wie es aussah würde Max sie nicht finden können. Wie auch sie wusste ja nicht mal selbst, wo sie war.

Max hatte nach dem Anruf von Steffi alle zusammen getrommelt.

„Sie lebt, sie hat mich gerade angerufen. Die Verbindung war schlecht, aber sie hat etwas von einer Höhle erzählt“, rief er den anderen zu.

Geiry atmete auf. Sie lebte, das war alles, was zählte. Aber Höhlen gab es hier in der Gegend unendlich viele. Und es gab genauso viele Höhlen, die zugeschüttet worden sein könnten. Nachdenklich zog er die Stirn kraus. Steffi konnte nichts von einer Höhle gewusst haben, also musste ihr Pferd sie dort hingebracht haben. Geiry kannte den Instinkt seiner Pferde sehr gut, mehr als einmal hatten sie ihm damit das Leben gerettet. Also würde Sokki bei einem Schneesturm die nächste Möglichkeit gesucht haben, ins Trockene zu kommen.

Geiry nickte Max zu und beide schwangen sich auf den Motorschlitten.

„Ich rufe Euch an, sobald wir etwas gefunden haben“, rief er den anderen zu und schon waren sie unterwegs.

Die Höhle, die Geiry in den Sinn gekommen war, war bei gutem Wetter in einer halben Stunde zu erreichen. In dem Schneesturm gestern musste Steffi aber viel, viel länger gebraucht haben. Und er hoffte, dass sie noch keine Erfrierungen davon getragen hatte.

Als sie an der Stelle angekommen waren, die Geiry Max beschrieben hatte, sahen sie vor sich eine einzige, dicke Schneewand. Es war, als würden sie vor einem Gletscher stehen.

„Hier muss es sein“, rief Max aufgeregt.

„Steffi hat von einem verschütteten Höhleneingang gesprochen.“
Geiry stimmte ihm zu, aber wenn sie diese verdammte, riesige Wand abtragen wollten, wäre Steffi längst verhungert und erfroren, ehe sie den Eingang gefunden hätten.

„Ruf sie an, vielleicht hören wir wenigstens das Klingeln oder irgendwas, was uns zeigt, wo ungefähr sie ist“, befahl Geiry.

Max nickte und zog sein Handy aus der Hosentasche. Schnell hatte er die Kurzwahl für Steffis Handy gewählt und wartete jetzt lauschend, ob er irgendwas hören konnte. In seinem Handy baute sich die Verbindung nur sehr langsam und dünn auf. Dann endlich hörte er den ersten Klingelton. Er nickte Geiry zu und beide lauschten nun, ob sie aus der weißen Fläche vor ihnen irgendwas hören könnten. Doch schon nach dem zweiten Klingeln brach die Verbindung ab. Steffis Akku war jetzt endgültig leer.

Steffi hatte verzweifelt versucht ihr Handy aus der Hosentasche zu ziehen, aber ehe sie die Handschuhe abgestreift hatte und ihre gefühllosen Finger das Handy zu packen bekommen hatten, hatte es schon mit einem Ton angezeigt, dass das Akku jetzt komplett leer war. Tränen schossen ihr in die Augen und liefen ihr die Wangen herunter. Jetzt würde sie zusammen mit Sokki hier sterben. Keiner würde sie finden, ehe nicht im Frühjahr der Schnee geschmolzen war.

Max fluchte laut, aber das half ihnen auch nicht weiter. Geiry sah ihn plötzlich an.

„Ich rufe die anderen, die sollen mit ihren Pferden herkommen“, sagte er mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen.

Max sah ihn an. „Und dann? Sollen sie die Schneewand mit Hilfe der Pferde einrennen?“ fragte er sarkastisch.

Geiry schüttelte ungeduldig den Kopf, während er sich die Handschuhe von den Händen zog und schon nach seinem Handy angelte.

„Nein, aber Sokki ist bei ihr da drinnen. Und wenn er die anderen Pferde wittert, wird er wiehern. Dann haben wir wenigstens eine Chance sie zu finden.“

Max überlegte noch, als Geiry schon Gunnar angerufen hatte und ihm sagte, wo sie waren. Gunnar würde sich sofort mit dem Rest auf den Weg machen, daran zweifelte keiner.

„Aber glaubst du wirklich, Sokki kann die anderen Pferde durch diese Schneemassen wittern“, fragte Max zweifelnd.

Geiry zuckte mit den Schultern. „Genau weiß ich es nicht, aber haben wir denn eine andere Chance?“

Max nickte. Eine andere Alternative hatte er auch wieder nicht. Also setzten sie sich auf den Motorschlitten und warteten die Ankunft von Gunnar und dem Rest ab.

Max wehrte sich gegen jeden Gedanken, der in die Richtung ging, dass sie Steffi verlieren könnten. Sie lebte und sie hatte sich bei ihm gemeldet, also würden sie Steffi auch retten können. Alles andere konnte und wollte er nicht wahr haben. Aber Max wusste auch, dass Steffi jetzt schon fast vierundzwanzig Stunden in dieser Kälte war. Es war fast schon unwahrscheinlich, dass sie dieses Abenteuer ohne etwas zurück zu behalten überstehen würde.

Missmutig stand Max auf und rannte im Kreis. Diese Untätigkeit machte ihn wahnsinnig. Irgendwas musste er doch tun können. Immer wieder sah er auf die Schneewand vor ihm. Es waren etliche Kilometer, die sich ausbreiteten.

Endlich hörte er die kleine Gruppe Reiter kommen. Allen voran ritten Gunnar und Vili. Geiry ging jetzt zu Max.

„Auch wenn ich normalerweise nicht bete und nicht sicher bin, ob es einen Gott gibt, jetzt ist glaube ich ein guter Zeitpunkt seine Meinung zu ändern“, sagte er leise.

Als die Gruppe fast am Motorschlitten angekommen war, hörte Max ein leises Wiehern aus dem Schnee hinter ihm.

Er strahlte Geiry an und wank den Reitern zu, dichter an die Schneewand zu kommen. Zusammen standen sie jetzt vor den Schneemassen und konnten deutlich das Wiehern und Schnauben von Sokki hören.

Alle fielen jetzt in eine hektische Betriebsamkeit. So schnell wie möglich wollten sie Steffi jetzt aus dieser Eishölle herausholen. Mit ihren Stöcken stocherten sie an den Stellen, wo das Wiehern am lautesten klang. Aber auch jetzt dauerte es noch eine ganze Weile ehe Höski rief, dass er eine Öffnung gefunden hatte.

Max sah sorgenvoll auf den Himmel, an dem sich schon wieder Wolken auftürmten. In gut zwei Stunden würden sie kein Tageslicht mehr haben.

Doch jetzt arbeiteten alle wie besessen, um den Eingang der Höhle, den Höski gefunden hatte freizuschaufeln. Mit ihren Stöcken, kleinen Klappspaten und auch mit ihren Händen gruben und stießen sie auf die Schneewand ein.

Steffi hörte die Geräusche nur noch am Rande. Ihr war nicht mehr kalt, sie war nur noch unendlich müde und langsam dämmerte sie dahin. Wärme umschloss sie und ihre aufgeplatzten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Sie konnte ihre Mutter sehen, die mit ihrem Vater in einer Art Gang stand. Langsam ging Steffi auf die beiden zu. Sie wusste, dass sie sich jetzt nicht mehr zu beeilen brauchte. Ihr Gesicht verzog sich vor Freude und sie musste die Tränen unterdrücken. Ihre Mutter breitete die Arme aus und auch ihr Vater lächelte ihr liebevoll zu.

Doch dann zerplatzte das Bild vor ihren Augen, sie spürte, wie sie in ein tiefes, schwarzes Loch fiel.

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